TRANSIT.DOC

transit.doc ist eine Zusammenstellung einiger neuerer dokumentarischer Arbeiten aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, den Niederlanden, Portugal, Schweden, Serbien und der Türkei, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Transit im gegenwärtigen europäischen Migrationsregime beschäftigen. Damit ist die Auswahl, die transit.doc trifft, bereits alles andere als repräsentativ; denn, währenddem "die Grenze" als Hotspot für das "Bild der Migration" den dokumentierenden (und kontrollierenden) Blick von Kameras gegenwärtig magisch anzuziehen scheint, finden sich weit weniger Bilder und Narrationen, die sich dokumentarischer Mittel bedienen, um jene Zonen darzustellen, die diese Grenze errichtet: Diese bewohnten und subjektivierenden Topographien des Transit, die zwar durch "die Grenze" hervorgebracht werden, sie aber immer auch herausfordern und unterlaufen: als dynamische Sozioökonomien [ > Tu bedzie srodek europy, > ...entre deux Chaises ], als sexuelle Dispositive [ > White Women ], als alltagsintimer, sich zu einer Dauer verfestigender Blick auf ein prekäres Leben im Transit mit häuslicher Arbeit und Heimweh in einer Garage eines Vororts von Lissabon [ > Entre Muros ] oder mit Freundschaften, Heiraten und Abschieden aus Istanbul [ > In Transit ].

transit.doc stellt Filme vor, die nicht "über" oder "auf die Grenze" schauen wie jene zahlreichen Reportagen oder Dokumentarfilme, die sich durch diese Blickrichtung innerhalb eines Diskurses um die "Festung Europa" situieren, sondern Fime, die ihre eigene Tatsache selbst als eine Position innerhalb des Grenz- und Migrationsregimes bestimmen und so zu Akteuren werden; - sei es, vielleicht relativ klassisch, um das gängige Klischee der düsteren Schleppermafia zu demontieren [ > Mother’s Crossing ], sei es, um die filmischen Mittel direkt für einen Grenzübertritt/Durchbruch nutzbar zu machen, unmittelbar [ > Welcome in Holland ] oder bildhafter übertragen [ > Tanger, le rêve des brûleurs ] oder indem ein Film sich zusammen mit seinen "sich selbst" performenden Akteuren als (Aus)Druckmittel realisiert [ > Kenedi se vraca kuci ].
Die Frage, die transit.doc stellen möchte: Lassen sich dort, wo die soziale und subjektive Dimension der Migration in ihrer Selbständigkeit gegenüber der repräsentationspolitischen Massnahme, "Migration" herzuzeigen in kleinen Wendungen gegen dieses Blickregime verstösst und die Kontrolle ihres Bildes für die kurze Zeit eines Filmes umwälzt [ > Philharmonie Köln - 40 Jahre Einwanderung, > Rien ne vaut que la vie, mais la vie même ne vaut rien ], mikropolitische Momente einer filmischen Praxis der "Autonomie der Migration" ausmachen, die eine Verbindung aufzunehmen vermöchten zu ihren grossen historischen Momenten [ > La photo déchirée, chronique d’une émigration clandestine ], ihrer gegenwärtigen Kraft, scheinbar festgefügte Strukturen mit hoher Geschwindigkeit zu verunsichern [ > Sangatte – station balnéaire ] und ihrer beharrlich sturen Potentialität [ > Exodus ]?

Brigitta Kuster

Videos:

> Tu bedzie srodek europy
> ...entre deux Chaises
> White Women
> Entre Muros
> In Transit
> Mother’s Crossing
> Welcome in Holland
> Tanger, le rêve des brûleurs
> Kenedi se vraca kuci
> Philharmonie Köln
> Rien ne vaut que la vie...
> La photo déchirée
> Sangatte – station balnéaire
> Exodus